»Wenn der Daimler huschtet, dann isch's Ländle krank« Ein launiger Spruch, der beweist, wie sehr der Daimler-Chrysler-Konzern Stuttgart und ihr Umland prägt: Rund 70.000 Mitarbeiter in den Werken der Region bestätigen das Bild von der Autostadt, das allerdings so makellos nicht mehr ist: Auch im Ländle wird immer wieder von Massenentlassungen gemunkelt. Dennoch verdient Stuttgart den Titel. Immerhin sorgten hier Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach mit ihrer Erfindung des schnell laufenden Benzinmotors überhaupt erst für den Siegeszug des Automobils. Der zweite große Karossenbauer heißt Porsche, hat nur rund 7.600 Mitarbeiter, sorgt aber mit seinen Bilanzen regelmäßig für Begeisterungsstürme. Rund um die beiden Unternehmen hat sich eine ganze Truppe von Zulieferfirmen angesiedelt, die zum Teil selbst - wie zum Beispiel die Firma Bosch - in der Weltspitze mitspielen.
-
-
Das »Stuttgart der Zukunft« boomt. Ein sehr tiefer Griff ins Portemonnaie der Stadt wird vor allem das Projekt »Stuttgart 21«, der Umbau des Hauptbahnhofs. Der einst hochmoderne Sackbahnhof wird in den kommenden zehn Jahren und für mehr als 2,5 Mia. Euro zur unterirdischen Durchgangsstation umgestaltet und somit ein wichtiger Stopp auf der Trasse von Paris nach Budapest. Statt der oberirdischen Gleisanlagen soll ein neues Stadtviertel mit Büros, Wohnungen und Geschäften entstehen, auch ein neues Regierungsviertel wird immer wieder ins Gespräch gebracht.
Seit Mai 2006 wird im neuen Mercedes-Benz-Museum vor dem Motorenwerk Untertürkheim die über 100-jährige Geschichte der Marke präsentiert. Ebenfalls im Entstehen ist die Neue Landesmesse auf den Fildern in unmittelbarer Nähe von Autobahn und Flughafen. Geplant sind sieben Hallen, eine Hochhalle und ein Kongresszentrum für rund 800 Mio. Euro, die 2007 eröffnet werden sollen.
Zu einem der architektonischen Höhepunkte der Stadt ist das neue Kunstmuseum geworden. Im beeindruckenden gläsernen Würfel am Kleinen Schlossplatz werden die modernen Kunstschätze der Landeshauptstadt ausgestellt. Den Charme der Alternativkultur strahlt das neue Domizil des Theaterhaus Stuttgart auf dem Pragsattel aus: Nach Jahren finanzieller Not hat sich das unabhängige Haus in der Fabrikatmosphäre der Rheinstahlhalle zu einem der interessantesten Veranstaltungsorte Stuttgarts gemausert.
Während das Gottlieb-Daimler-Stadion weltmeisterschaftstauglich gemacht ist, entstand 2006 in direkter Nachbarschaft die Porsche-Arena, neben dem Porsche-Museum der zweite Neubau, der mit der Zuffenhausener Sportwagenschmiede zusammenhängt. Die kleine aber feine Halle wird u. a. neue Heimat für das jährliche WTA-Damentennisturnier in Filderstadt.
-
-
Gemütlich und eng geht's zu, wenn der Reisigbesen vor der Tür hängt. Ursprünglich servierten die Besenwirte in ihren Wohnstuben, heute laden sie oft in einen Schuppen, einen Kellerraum oder die Garage ein. Dort schenken die Wengerter (Weingärtner) ausschließlich ihren eigenen Wein aus. Weil sie dies ohne Konzession tun dürfen, müssen sie sich an gewisse Regeln halten: Der Besen darf maximal zweimal im Jahr für vier Monate geöffnet sein, es dürfen nur kalte und einfache warme Speisen und höchstens 40 Sitzplätze angeboten werden. So serviert man Deftiges wie Schlachtplatte, Sauerkraut oder Zwiebelkuchen und voll wird's immer: Im Lauf des Abends zählt niemand mehr, wie viele Gäste ihren Wein im Stehen trinken… Die meisten der etwa 40 Stuttgarter »Besen« liegen in Untertürkheim.
-
-
Dass sie sehr gerne zu Besen und Schaufel greifen - das wird den Schwaben seit Jahr und Tag nachgesagt. Nicht ganz zu Unrecht: Denn für viele in und um Stuttgart gehört die Kehrwoche nach wie vor zu den ehernen Gesetzmäßigkeiten des geordneten Lebens - selbst wenn das eigentliche Gesetz seit 1988 nicht mehr gilt. Sauberkeit muss sein - und so ist jede Woche eine andere Mietpartei dafür zuständig, Haus und Hof sauber zu halten.
-
-
Neben Budapest hat keine andere Stadt in Europa einen ergiebigeren Segen an Mineralwasser. In den Stadtteilen Bad Cannstatt und Berg sprudeln aus 19 Quellen, davon elf staatlich anerkannte Heilquellen, täglich mehr als 22 Mio. Liter kohlensäurehaltiges Wasser. Den Kur- und Badegästen stehen drei große Mineralbäder, zwei Kurmittelhäuser und 20 öffentliche Mineralwasser-Trinkbrunnen zur Verfügung.
In Stuttgart geht man zum Entspannen entweder »ins Leuze«, oder man zieht seine Runden im benachbarten Bad Berg, auch »Neuner« genannt . Ruhiger geht's im moderneren Mineralbad Cannstatt zu.
-
-
Stuttgart begreift sich seit jeher als Schillerstadt, obwohl der heute geschätzte Poet (1759-1805) einst von hier Reißaus nahm. Herzog Carl Eugen hatte ein Schreibverbot verhängt, und wegen unerlaubter Entfernung von der Truppe - zwei Aufführungen der »Räuber« in Mannheim - waren gegen den Dichter 14 Tage Arrest ausgesprochen worden. Ganze zehn Jahre lebte Schiller in Stuttgart, war zuvor in Marbach, Lorch und Ludwigsburg, danach noch 22 weitere Jahre meist außerhalb von Württemberg. Erzählt wird, der Klassiker habe seinen Freunden im Waldgebiet auf dem Bopser Teile aus seinen »Räubern« vorgelesen.
Stuttgart organisierte das erste Schiller-Fest (1825), hier gab es den ersten Schiller-Verein (1827) und am Schillerplatz steht das erste größere Denkmal für den Dichter.
© Marco Polo