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Entdecken Sie Stuttgart!

Das Bild Stuttgarts scheint in vielen Köpfen bereits gezeichnet: Sie sei eine biedere Großstadt in der jeden Abend die Bürgersteige hochgeklappt würden, die Stuttgarter selbst seien Geizhälse, samstags regiere die Kehrschaufel auf den Bürgersteigen und in allen Gassen werde geschwäbelt.

Keine Frage: Stuttgart hat immer noch ein graues Image. Richter dieses Urteils sind vor allem jene, die die Hauptstadt des Südwestens noch nicht auf ihrem Besuchsprogramm hatten, jene, die sich noch nicht selbst von dem überzeugt haben, was sich hier in den letzten fünf bis zehn Jahren getan hat. Stuttgart wird nach wie vor verkannt. Bei Wirtschaftsexperten und Kulturkennern, bei Insidern der Szene und Freunden der Architektur dagegen steht »Schduagerd« schon lange auf der Hitliste.

Lassen Sie sich Zeit, die Vielfalt - und manchmal auch die Gegensätze - Stuttgarts zu entdecken: Schlendern Sie alleine und fern der Welt durch das Lapidarium mit seinen steinernen Zeitzeugen, oder ziehen Sie mit Zehntausenden durch die Musentempel in der »Langen Nacht der Museen«; lachen Sie begeistert vor der Bühne der schwäbischen Mundarttheater, oder bestaunen Sie die Primaballerinen des Balletts; reisen Sie im Württembergischen Landesmuseum durch die Vergangenheit, oder lassen Sie sich in der Neuen Staatsgalerie von Joseph Beuys provozieren; spazieren Sie durch die Weinberge, die die Stadt umgeben, oder reihen Sie sich am Wochenende ein in den Konsumentenstrom der Innenstadt. Dann werden Sie eine Ahnung bekommen, was Stuttgart ausmacht.

Vor allem in den vergangenen Jahren hat sich Stuttgart mit seinen knapp 590.000 Einwohnern bemüht, seine Vorteile in die Welt zu tragen und zu vermarkten. Selbstbewusst ist der Takt, den die Schwaben dabei anschlagen. Und der Erfolg gibt ihnen Recht: Allein im Jahr 2004 zählten die Statistiker mehr als 2,2 Mio. Übernachtungen von Gästen aus aller Welt mit ständig steigender Tendenz in den Jahren zuvor. Ausschlaggebend für den Stuttgart-Trend ist sicherlich nicht nur der Musicalboom, der der Stadt viele neue Gäste bescherte. Auch der innovativen Kulturszene ist es zu verdanken, dass Stuttgart auf der Städte-Beliebtheitsskala steil nach oben geklettert ist.

Zwischen der Internationalen Bachakademie, gegründet und geleitet von Professor Helmuth Rilling, und den Ludwigsburger Schlossfestspielen schlug hier die Geburtsstunde des deutschen Hip-Hop. Wegbereiter waren die »Fantastischen Vier«, innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich Stuttgart mit Bands wie »Afrob«, »Freundeskreis« oder »Massive Töne« zu einer Keimzelle deutschen Sprechgesangs. Die »HipHop-Open« als Freiluftkonzert stehen bei Zehntausenden über die Grenzen der Region hinaus als fester Termin im Jahreskalender.

»Was brauchen wir Kunst, wir brauchen Kartoffeln«, lautete einst eine schwäbische Redensart. Doch Kunstliebhaber und Kulturmanager, edle Stifter und Bühnentalente setzten sich durch - ohne Promis und Protz, aber mit Ideenreichtum, Engagement und internationaler Teamarbeit. Für den Kauf berühmter Kunstschätze wurden zusätzliche Kassen geöffnet und Stiftungen ins Leben gerufen. Das Stuttgarter Ballett brachte es zu Weltruhm, die Staatsoper wurde zuletzt vier Mal in fünf Jahren zum besten Opernhaus im deutschsprachigen Raum gekürt, das Schauspielhaus gilt als Talentschmiede für den jungen Regienachwuchs, überdies verfügt die Stadt über eine der vielfältigsten Kleintheaterszenen in Deutschland. Das politische Kabarett hat hier ebenso seinen festen Platz gefunden wie das Boulevardvergnügen und das Autorentheater des Nachwuchses.

Nicht zu vergessen: die Stuttgarter Museenlandschaft, die zuletzt mit dem neuen Kunstmuseum am Kleinen Schlossplatz für Furore in der Kunstszene sorgte. Im Frühjahr 2006 folgen das neue Mercedes-Benz- und das Weissenhofmuseum, 2007 zieht Porsche mit einem futuristischen Neubau für seine mobilen Edelexponate nach. Und obwohl sich die Stadt bei der Olympia-2012-Bewerbung nicht durchsetzen konnte, so sorgt doch die Fußball-WM 2006 für internationales Flair.

Bei aller Innovation: Stuttgart ist der Tradition immer treu geblieben, und vielleicht macht gerade diese Verbindung den beständigen wirtschaftlichen Erfolg der Landeshauptstadt aus. Kaum eine andere Region hat es geschafft, ein so solides Fundament zu legen. Sicherlich ist es kein Zufall, dass weltweit anerkannte Unternehmen wie Daimler-Chrysler, Porsche oder Bosch hier ihren Ursprung haben. Ein weiteres Erfolgsrezept: In den vergangenen Jahren sind Wissenschaft und Wirtschaft stark aufeinander zugegangen. Stuttgart kann zwei Universitäten, sechs Akademien und Fachhochschulen, eine Reihe außeruniversitärer Forschungseinrichtungen sowie neun wissenschaftliche Institute vorweisen.

Auch für die Verlagslandschaft ist Stuttgart ein wichtiger Standort. 130 Verlage haben ihren Sitz im Zentrum und 250 in der Region; Holtzbrinck, Klett, Motor-Presse und Mairdumont sind nur die größten und bekanntesten, die den deutschen - und zum Teil auch den internationalen - Zeitungs- und Büchermarkt bestücken. Nicht zu vergessen: In Stuttgart lernten Micky Maus und Donald Duck Deutsch im Ehapa-Verlag, von den Thienemann-Verlagsräumen in einer Seitenstraße der Stadt aus eroberten der Räuber Hotzenplotz, Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, die Kinderzimmer.

Nicht überall stößt Stuttgarts Erfolgscocktail aus klassischen Industrien, neuen dynamischen Wachstumsbranchen wie Informations- und Kommunikationstechnologien, neuen Medien und Umwelttechnik auf Gegenliebe. Einige werfen den Stadtvätern vor, sich im Rennen um internationale Anerkennung vor allem bei den großen Bauprojekten zu verschätzen. Bau und Konzept der Neuen Galerie der Stadt wurden kontrovers diskutiert und heftig kritisiert, doch der Erfolg ist längst da. Umstritten ist auch die Neue Messe beim Flughafen, die 2007 in Betrieb genommen wurde, der Umbau des Bahnhofs im Rahmen des Milliardenprojekts »Stuttgart 21« existiert nach wie vor nur auf dem Reißbrett. Der neue unterirdische Durchgangsbahnhof soll die Stadt ab 2013 auf internationalem Niveau an das Fernschienennetz anschließen.

Bisher ist im Stadtbild wenig von architektonischen Himmelsstürmern zu sehen: Es ragen keine gläsernen Wolkenkratzer in die Höhe, kein Rauch zieht aus schlanken Schloten. Ein großer Teil der Industrie hat sich kaum sichtbar rund um Stuttgart angesiedelt, der Porsche rollt in Zuffenhausen vom Band, Daimler-Chrysler thront in Möhringen in seiner festungsähnlichen Verwaltung. In vielen Stadtteilen ist und bleibt Stuttgart ein Häusermeer aus roten Dachziegeln.

Viele Büros, viele Bühnen, viel Betrieb, doch Stuttgart ist bekannt als Großstadt im Grünen. Der Schlossgarten, der Bärensee oder der Wald rund um den Bopser laden zum Entspannen ein. Das weite Grün der Stadt fällt vor allem ins Auge, wenn man hoch oben über den Dächern und den Straßenschluchten steht, auf der Uhlandshöhe an der Sternwarte, auf dem Haigst im Süden, am Bismarckturm im Norden oder auf der Karlshöhe im Westen.

Neben den Schönheiten der Stadt wie Neues Schloss oder Königsbau, der ab April 2006 die klassizistische Fassade für die hypermodernen Königsbau-Passagen abgeben wird, fallen bei einem Rundblick die Betonwunden auf, die vor allem nach dem Krieg im stark zerstörten Stuttgart geschlagen wurden, aber auch in den 1960er- und 1970er-Jahren. Von der beeindruckenden Schönheit des historischen Stuttgart ist vor allem im Zentrum nicht viel übrig geblieben. In den letzten Jahrzehnten nutzten zahlreiche namhafte Architekten wie beispielsweise James Stirling mit seiner Neuen Staatsgalerie oder Hascher & Jehle mit dem Glaskubus des neuen Kunstmuseums die Fläche für mutige Bauten.

Die idyllische Lage hat es der Stadt auf ihrem Weg in die Zukunft nicht einfach gemacht. Bei der Besiedlung spielte die räumliche Trennung zwischen Höhen und Talauen eine große Rolle. Eingeengt zwischen Buckeln und Bergen, nur in Richtung Osten offen und keinesfalls am Neckar, sondern vielmehr am Nesenbach, konnten sich die Schwaben nur schlecht ausbreiten. »Aus einem Kessel kann man eben nicht herausgucken«, hieß es.

Zentrum des historischen Stuttgarts ist das Gebiet um das Alte Schloss, dort, wo im sumpfigen Gelände um die Mitte des 10. Jhs. ein »Stutengarten«, ein Gestüt, stand. Die Siedlung erhielt im 13. Jh. das Stadtrecht, sie wurde Sitz der Grafen von Württemberg, und der Aufschwung zur offiziellen Haupt- und Residenzstadt begann. Goldene und trübe Zeiten schlossen sich an, bis sie in der ersten Hälfte des 19. Jhs. zur Industriestadt aufstieg.

An das vergleichsweise kleine Zentrum grenzen die Nobelterrassen im Norden rund um den Killesberg ebenso wie die eher von Arbeiterwohnungen geprägten Straßen im Stuttgarter Osten. Vor allem die ehemals unabhängigen kleinen Gemeinden wie Bad Cannstatt, Wangen, Vaihingen und Weilimdorf, die eine Art Kranz um die Stadt bilden, haben ihr Selbstbewusstsein behalten. Mittlerweile ist Stuttgart in 23 Stadtbezirke aufgeteilt, fünf innere und 18 äußere. Ein jeder ist stolz auf sein Viertel, aus Stuttgart selbst kommt eigentlich kein Stuttgarter.

Die »Reing'schmeckten« und Fremden haben vor allem in den Jahren nach dem Krieg das Bild der Stadt und der Schwaben nachhaltig verändert. »Das Zweiflerische, Querköpfige, Kritische und Praktische im Wesen des Stuttgarters vermischte sich mit der Großzügigkeit, dem Wagemut, der Urbanität und der Musenfreundlichkeit vieler Neubürger«, erklärte sich der heimische Schriftsteller Thaddäus Troll den neuen Charakter. Seit den 1960er-Jahren zogen die Industriefließbänder viele Ausländer in die Stadt: Menschen aus fast 170 Nationen leben hier. Fast jeder vierte Stuttgarter ist Ausländer, es werden 100 verschiedene Sprachen gesprochen, teils hat das gelernte Deutsch schon einen schwäbischen Akzent angenommen.

© Marco Polo
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